Director´s Statement

Wovon handelt „Chasing Houses“?
C
hasing Houses ist ein Roadmovie mit Haus – quer durch den US-amerikanischen Westen auf Route 66 bis Monument Valley – mit ungewöhnlichen Gefährten. Über die Mobile Homes, mobile seriell hergestellte Fertighäuser und Trailer, entwirft der Film eine Momentaufnahme des zeitgenössischen US-Amerika: zwischen Häuslichkeit und unendlicher Weite, zwischen Freiheit und prekärem Leben. Im Verlauf entfalten sich vielfältige Schicksale und Lebensentwürfe. Wir treffen auf Menschen, die in den Häusern leben, sie transportieren und mit ihnen handeln. Sie beschreiben ihre Hoffnungen und Träume und die Kämpfe, die sie austragen.
In Chasing Houses geht es weniger darum, Abläufe zu dokumentieren, als vielmehr ein Mindset zu beschreiben, ein Lebensgefühl, dessen Verbindung zur Landschaft und dessen ökonomische Hintergründe.

In welchem Zeitraum ist der Film entstanden?
Ich habe insgesamt vier Jahre seit der Idee über die Finanzierung und die Dreharbeiten bis zur Postproduktion an dem Film gearbeitet. Nach den Dreharbeiten lag das Material erst mal in der Schublade, weil ich nicht genug Abstand hatte um aus einer unglaublich intensiven Reise einen Film zu machen. Es war auch mein erster längerer Film. Dann waren die Finanzen aufgebraucht, und ich musste wieder neu in die Finanzierungsschleife einsteigen. Ich hatte ein vergleichsweise winziges Budget, das hat den Prozess ziemlich verlangsamt. Und ich habe das meiste alleine gemacht, ohne Produktionsfirma. Dadurch habe ich viel gelernt über Filmproduktion, aber das nächste Mal würde ich doch gerne mehr Aufgaben abgeben. Aber ich hatte auch großartige Unterstützung, ein tolles Filmteam und einen wunderbaren Cutter.

Du hast dich intensiv mit dem amerikanischen Road-Movie beschäftigt. Welche Funktion erfüllt dieses Genre deiner Meinung nach und wieso wolltest du dem nachfühlen?
Road Movies verhandeln einen Zwischenraum von Unabhängigkeit und Sesshaftigkeit. Meistens haben sie viel mit Männlichkeit und dem Wunsch nach Freiheit zu tun. Es gibt etwas zu entdecken, und etwas, wovor weggerannt wird. Es gibt Bewegung und Landschaft, die durchquert wird. In Chasing Houses werden Genreattribute erfüllt, andere gesprengt. Es gibt Landschaft, Bewegung, Freiheit, es gibt aber auch Häuslichkeit, und große sperrige Dinge, die unterwegs sind. Seit ich das erste Mal ein Haus auf dem Highway sah, war die Idee zum Film geboren, die mich nicht mehr losließ. Die Widersprüchlichkeit des Bildes hat mich fasziniert. Darin drücken sich aber sowohl ein Freiheits- und Unabhängigkeitswunsch aus, als auch die harten Lebensbedingungen in einem knallharten Kapitalismus, und ein fragil gewordenes Gesellschaftssystem. Was steht mehr für eine Haltung von „immer weiter“, „immer größer“ und Flexibilität bis zur Selbstaufgabe als ein Haus, das unterwegs ist?!
Road Movies werden in vielen Momenten von Chasing Houses zitiert. So finden sich Verweise auf Easy Rider (dessen Strecke wir nachgereist sind, und dessen Tonspur auch schon eingangs einen Gastauftritt feiert), Western und andere Roadmovies. Monument Valley ist ein ikonografisches Filmset. Aber ich habe in keinem Film gesehen, dass dort Menschen wohnen. Ich wollte in Chasing Houses zeigen, was in den meisten Filmen hinter der Kamera liegt, am Rande der heldenhaften Erzählungen.

Du hast den Film angefangen, bevor die Entzweiung der US-amerikanischen Gesellschaft so offenbar wurde. Hat das die Produktion in irgendeiner Weise beeinflusst?
Es gibt einen Charakter im Film, einen Tea-Party-Anhänger, dem mein Cutter Sebastian Winkels und ich den Arbeitstitel „Little Trump“ verliehen haben. Bevor es Trump in der öffentlichen Wahrnehmung hier gab, erschien dieser Protagonist meinem Probepublikum immer als viel zu krass. Seit Trump hat sich niemand mehr über ihn gewundert. 2017 nach der Wahl von Trump als Präsidenten haben wir den Film tatsächlich noch einmal umgeschnitten. Der Blick auf die amerikanische Landschaft hatte sich verschoben. Wenn man den Film sieht, kann man einiges über die Verhältnisse verstehen, was später zum politischen Erdrutsch geführt hat.

Empfindest du den Film als Statement zum politischen Klima im Land?
Auf jeden Fall. Ich lasse in dem Film unterschiedliche Positionen aufeinandertreffen, Menschen, die sonst nicht zu Wort kommen, die Situation der Navajos, auf deren Reservat Monument Valley liegt. Es gibt keine aufgedrückte politische Botschaft, die im Off-Kommentar eingesprochen wird, sondern eine Einladung, zu sehen, wahrzunehmen, und sich ein Bild zu machen. Die ökonomischen Gegensätze sind unübersehbar, und der Fortschrittsglaube wird ziemlich bröckelig, so wie die Mobile Homes auch Wegwerfprodukte sind: Instant Living, aber nur für kurze Zeit. Der amerikanische Traum ist ziemlich instabil geworden.

Interview: Mirko Lux